Security Lending: Rendite-Booster oder Risiko-Falle? Eine ehrliche Analyse
- Dr. Reto Rauschenberger

- 27. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Jan.

Wie du mit deinen Aktien und ETFs Zusatzrendite erzielst – und welche Risiken du kennen musst
Securities Lending klingt kompliziert. In Wahrheit ist das Grundprinzip sehr einfach. Viele Privatanleger machen dabei sogar schon mit ohne es bewusst zu wissen, vor allem über ETFs.
In diesem Artikel erkläre ich dir:
was Securities Lending ist
wie es konkret funktioniert
welche Chancen es für dich als Anleger gibt
welche Risiken real sind – und welche eher theoretisch
worauf du achten solltest, wenn du es nutzt oder vermeiden willst
Was ist Security Lending?
Securities Lending bedeutet übersetzt Wertpapierleihe. Ganz einfach gesagt: Du besitzt Aktien oder ETFs. Jemand leiht sich diese kurz aus. Du bekommst dafür eine Gebühr. Später bekommst du dieselben Wertpapiere zurück.
Es ist vergleichbar mit:
einer Wohnung, die du vermietest
oder einem Auto, das du verleihst
Du bleibst Eigentümer, jemand anderes nutzt den Gegenstand vorübergehend – und zahlt dafür.
Wer leiht sich meine Aktien aus – und warum?
Die Entleiher sind fast immer professionelle Marktteilnehmer, zum Beispiel:
Hedgefonds
Market Maker
Banken
Der häufigste Grund: Leerverkäufe (Short Selling). Dabei setzt jemand darauf, dass ein Aktienkurs fällt.
Beispiel:
Ein Hedgefonds glaubt, dass eine Aktie überbewertet ist
Er leiht sich die Aktie
verkauft sie sofort
hofft, sie später günstiger zurückzukaufen
Dafür zahlt er dir eine Leihgebühr.
Wie läuft Security Lending konkret ab?
Als Privatanleger hast du keinen direkten Kontakt mit dem Hedgefonds. Der Ablauf ist immer so:
Du hältst Aktien oder ETFs in deinem Depot
Dein Broker oder der ETF-Anbieter verleiht diese Wertpapiere
Der Entleiher hinterlegt Sicherheiten (Collateral)
Du erhältst einen Teil der Leihgebühr
Nach einer gewissen Zeit werden dir die Wertpapiere zurückgegeben
Wichtig:
Du siehst davon meist nichts im Alltag
alles läuft automatisch im Hintergrund
Was sind Sicherheiten (Collateral)?
Sicherheiten sind der wichtigste Schutzmechanismus beim Securities Lending.
Bevor jemand deine Aktien bekommt, muss er Sicherheiten hinterlegen:
Cash
oder sehr sichere Staatsanleihen
Und zwar:
mindestens 100 %
oft 105–110 % des Werts deiner Aktien
mit täglicher Neubewertung
Wenn also jemand Aktien im Wert von CHF 10’000 leiht, muss er Sicherheiten von z. B. CHF 10’500 hinterlegen.
Diese Sicherheiten werden:
separat verwahrt
nicht Teil des Vermögens des Entleihers
im Konkursfall verwendet, um deine Aktien zurückzukaufen
Bekomme ich weiterhin Dividenden?
Ja, auch wenn deine Aktien verliehen sind:
bekommst du wirtschaftlich weiterhin Dividenden
bei ETFs werden sie ganz normal ausgeschüttet oder reinvestiert
Technisch kann es kleine Unterschiede geben (z. B. sogenannte Ersatzdividenden), finanziell bist du gleichgestellt.
Was bringt mir Securities Lending als Privatanleger?
Zusatzrendite
Der wichtigste Vorteil ist eine kleine Zusatzrendite. Typische Grössenordnungen:
ETFs: ca. 0.05 % bis 0.30 % pro Jahr
einzelne stark nachgefragte Aktien: teilweise mehr
Das klingt wenig – ist aber:
risikoadjustiert nicht schlecht
besonders attraktiv bei langfristigem Halten
Bei ETFs senkt Securities Lending indirekt oft die effektiven Kosten.
Security Lending: Kein Mehraufwand
kein Handeln
kein Timing
keine Steueroptimierung notwendig
Du hältst dein Investment – der Rest läuft automatisch.
Warum machen ETFs fast immer Securities Lending?
Die meisten grossen ETF-Anbieter betreiben Securities Lending, weil:
ETFs ohnehin langfristig gehalten werden
sie sehr breit diversifiziert sind
das Risiko gut kontrollierbar ist
Die Einnahmen werden:
teilweise an die Anleger weitergegeben
teilweise zur Senkung der Gesamtkosten genutzt
Viele Anleger sind deshalb bereits involviert, ohne es bewusst zu wissen.
Welche Risiken gibt es?
Security Lending ist nicht risikofrei. Aber die Risiken sind klar definierbar.
Risiko 1: Der Entleiher geht pleite
Das ist der häufigste Gedanke – und meist kein grosses Problem.
Warum?
Es existieren Sicherheiten
Diese sind höher als der Wert der Aktien
Sie werden verwertet, um deine Aktien zurückzukaufen
Historisch ist dieses Risiko bei grossen Anbietern sehr klein.
Risiko 2: Marktstress + Konkurs gleichzeitig
Ein theoretisches Extremszenario:
der Entleiher geht pleite
die Märkte bewegen sich extrem
Sicherheiten verlieren gleichzeitig stark an Wert
In so einem Fall könnte eine Deckungslücke entstehen.
Wichtig:
Das ist möglich
aber sehr selten
vergleichbar mit systemischen Finanzkrisen
Risiko 3: Broker geht pleite
Das ist für Privatanleger das wichtigere Risiko.
Grundsätzlich gilt:
Deine Wertpapiere sind Sondervermögen
sie gehören dir, nicht dem Broker
Aber:
entscheidend ist, wie sauber Sicherheiten und Bestände getrennt sind
Bei grossen, regulierten Brokern:
klare Trennung
klare Konkursprozesse
Bei kleinen oder intransparenten Anbietern:
höheres operatives Risiko
Risiko 4: Keine Stimmrechte
Während eine Aktie verliehen ist, kannst du nicht an der Generalversammlung abstimmen
Für die meisten Privatanleger ist das irrelevant. Für aktive Aktionäre kann es ein Nachteil sein.
Risiko 5: Psychologischer Faktor
Manche Anleger stört, dass ihre Aktien genutzt werden, um auf fallende Kurse zu wetten
Finanziell ist das neutral. Emotional ist es Geschmackssache.
ETFs vs. Einzelaktien – wo liegt der Unterschied?
ETFs
Vorteile:
breite Diversifikation
professionelles Risikomanagement
viele Entleiher
sehr transparente Regeln
Risiko:
verteilt
gut kontrollierbar
Für die meisten Privatanleger: vernünftig
Einzelaktien
Vorteile:
teilweise höhere Leihgebühren
Nachteile:
Klumpenrisiko
stärkere Abhängigkeit vom Broker
weniger Transparenz
Hier lohnt sich mehr Vorsicht.
Sollte ich Securities Lending nutzen – oder deaktivieren?
Das hängt von deinem Profil ab.
Eher sinnvoll, wenn:
du langfristig investierst
du ETFs hältst
du einen grossen, regulierten Anbieter nutzt
du kleine Zusatzrenditen schätzt
Eher nicht, wenn:
du maximale Sicherheit willst
du aktiv Stimmrechte nutzt
du dich mit Restrisiken unwohl fühlst
Beides ist legitim.
Wie erkenne ich einen seriösen Anbieter?
Gute Zeichen:
klare Aussagen zu Sondervermögen
tägliche Bewertung der Sicherheiten
Überbesicherung
transparente Dokumentation
Warnzeichen:
hohe Renditeversprechen
unklare Bedingungen
wenig Informationen zur Verwahrung
Fazit
Securities Lending ist:
kein Hexenwerk
keine Geldmaschine
aber ein nüchternes Zusatzinstrument
Für die meisten ETF-Anleger gilt: Kleine Zusatzrendite gegen kleines Restrisiko – fairer Deal.
Wichtig ist nicht, ob Securities Lending existiert, sondern wie sauber es umgesetzt ist.



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