2. Säule (BVG-Reform): Mehr Rendite und Abkehr von der Vollkasko-Mentalität
- Jeff Haindl, lic. oec, CFA

- 12. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Seit Jahren werden in der Politik intensive Debatten über die zweite Säule geführt. Im Zentrum stehen tiefe Verzinsung, Umverteilungsfragen, Koordinationsabzüge und immer neue Reformvorschläge. Ein grosser Teil der Energie fliesst in technische Detailfragen. Die entscheidende Grundsatzfrage bleibt jedoch oft unbeantwortet.
Ist das heutige System noch zeitgemäss?
Ein Blick aus unserer Community
Viele Rückmeldungen aus unserer Community zeigen ein klares Bild. Gewünscht werden mehr Wahlfreiheit, insbesondere eine freie PK-Wahl oder die Wahl der eigenen Anlagestrategie. Als Ökonom weiss ich, dass solche Stimmen statistisch nicht überinterpretiert werden dürfen. Dennoch waren sie ein wichtiger Impuls für diesen Beitrag. Denn sie spiegeln ein wachsendes Unbehagen gegenüber einem System, das als starr und wenig transparent wahrgenommen wird.
Ein Blick aus der Beratungspraxis
In unserer Beratung erleben wir täglich die enorme Bandbreite innerhalb der Schweizer Pensionskassen Landschaft. Die Unterschiede sind frappant. Verzinsungen reichen von unter 2 Prozent bis hin zu 9 Prozent in einzelnen Ausnahmefällen. Es gibt Arbeitgeber, die ihre Pensionskasse selbst verwalten, die Beiträge für ihre Mitarbeitenden vollständig übernehmen oder mit sehr hohen Aktienquoten investieren.
Aber, solche Modelle bleiben jedoch Ausnahmen. Viele KMUs können und wollen diese Risiken nicht tragen. Das Resultat ist eine durchschnittliche Verzinsung, die im Schweizer Vergleich häufig enttäuschend ausfällt.
Persönliche Erfahrung aus der Pensionskassenverwaltung
Ich war selbst mehrere Jahre für die Verwaltung der Pensionskasse einer Bank verantwortlich. Wir profitierten von mehreren positiven Faktoren gleichzeitig. Eine solide Überdeckung, eine günstige Versichertenstruktur und die inhouse Anlageexpertise ermöglichten es, attraktive Renditen für die Versicherten zu erwirtschaften.
Diese Kombination ist jedoch keineswegs selbstverständlich und viele Pensionskassen agieren aus einer weniger komfortablen Situation. Das Problem liegt daher weniger bei einzelnen Akteuren, sondern in der Struktur des Systems.
Ein alternativer Ansatz für die 2. Säule: BVG-Reform
Statt uns weiter in Detaildiskussionen zu verlieren, lohnt sich ein grundsätzlicher Perspektivenwechsel. Ein möglicher Ansatz orientiert sich am 401(k)-System der USA, das ebenfalls in ein Drei-Säulen-Modell eingebettet ist.
Kernelemente des Vorschlags
1. Beibehaltung der Grundstruktur
Obligatorische Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern
Steuerliche Abzugsfähigkeit der Beiträge
Steuerfreies Wachstum während der Ansparphase
Besteuerung erst bei Auszahlung
2. Vorgeschlagene Änderungen
Entkopplung der zweiten Säule vom Arbeitgeber
Individuelle Anlagestrategien für Arbeitnehmer, vergleichbar mit heutigen Säule 3a Lösung
Fokus auf eine reine Anlagelösung, während Risikoabsicherungen separat über private Anbieter erfolgen, analog zur Krankenversicherung
Flexible Pensionierungsmodelle mit Kapitalbezügen, einmalig oder jährlich, oder optionaler Rentenumwandlung über private Anbieter
Vorteile eines solchen Systems
Höheres Renditepotenzial: Jüngere Versicherte können längere Anlagehorizonte und höhere Aktienquoten nutzen.
Tiefere Kosten: Vereinfachte Strukturen und mehr Wettbewerb könnten die Verwaltungskosten deutlich senken.
Mehr Transparenz und Kontrolle: Versicherte wissen jederzeit, wie ihr Geld investiert ist, und können aktiv mitentscheiden.
Besseres Arbeitenlassen des Kapitals bei Auszeiten: Wer heute eine berufliche Pause einlegt, muss sein Pensionskassenguthaben auf ein Freizügigkeitskonto übertragen. Dadurch wird der Anlagehorizont faktisch unterbrochen und das Kapital oft sehr defensiv angelegt. Ein individuelles System würde dieses Problem entschärfen.
Keine Umverteilungsdiskussionen: Individuelle Konten eliminieren systembedingte Umverteilungen.
Mehr Fairness: Jede Person hat die gleiche Chance auf eine attraktive Rendite, unabhängig vom Arbeitgeber oder der gewählten Pensionskasse.
Herausforderungen, die adressiert werden müssen
Mehr Eigenverantwortung: Ein solches System setzt finanzielle Grundbildung und die Bereitschaft zu eigenständigen Entscheidungen voraus.
Unterschiedliche Ergebnisse: Individuelle Anlagestrategien führen zwangsläufig zu unterschiedlichen Resultaten, was nicht von allen als gerecht empfunden wird.
Wie weiter?
Eine Reform in diese Richtung bietet die Chance, die berufliche Vorsorge in der Schweiz grundlegend zu modernisieren und besser an eine flexible und mobile Arbeitswelt anzupassen. Sie könnte die Effizienz des Systems erhöhen und den Versicherten mehr Kontrolle über ihr Alterskapital geben.
Was ist Eure Meinung und wie können wir die starren Strukturen aufbrechen?



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